Artikel vom 16.10.2010 in der WLZ
16. Oktober 2010
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Klänge in Holz und Lehm

Helga Wagner und Jochen Bischoff sanieren Denkmal Sachsenberger „Spicher”

 

VON KARL-HERMANN VÖLKER

SACHSENBERG. Etwa hundert Jahre hat in Sachsenberg der stadtbildprägende „Spicher” mit seinen Fachwerk-Torbögen am Marktplatz leer gestanden. Nun ist in das Denkmal aus dem 16. Jahrhundert wieder neues Leben eingezogen, gleichzeitig auch in das Nachbargebäude Spichernstr. 3, ein Ackerbürgerhaus von etwa 1760. Helga Wagner und Jochen Bischoff waren von dem gesamten Fachwerkensemble so begeistert, dass sie es gekauft und mit der Sanierung begonnen haben.

Sehr zur Freude der Stadt Lichtenfels und der Denkmalpflege: Wie andere Landstädtchen ist auch Sachsenberg daran interessiert, dass Leerstände beseitigt und alte Gebäudesubstanz, die die Stadtbrände des 19. Jahrhunderts überdauert hat, neu genutzt und damit erhalten wird. Jochen Bischoff, Diplompsychologe im Vorruhestand, hat früher eine Erziehungsberatungsstelle in Heinsberg geleitet. Er bringt aber auch jahrelange handwerkliche Erfahrung mit und richtete in dem Haus Spichernstr. 3 sofort eine Werkstatt ein.

Dort will er künftig Musikinstrumente bauen, die professionell in der Klangtherapie eingesetzt werden können. Ein neues Fachwerktor betont den ursprünglichen Charakter des Ackerbürgerhauses, aber dahinter lassen moderne Glasflächen viel Licht auf den Arbeitsplatz fallen. Spezialisiert hat sich Bischoff auf „Klangwelt” Monochorde aus hochwertigen Hölzern, die mit Musiksaitendraht bespannt werden.

HINTERGRUND In Sachsenberg bemühen sich engagierte Bürger und Lichtenfelser Kommunalpolitiker seit 2006, als 14 Häuser leer standen, mit vereinten Kräften um Interessenten für die Fachwerksubstanz der Altstadt. Das gerettete Ensemble am Spicher ist bisher der größte Erfolg. Es werden weiterhin Mieter und Käufer für Leerstände gesucht. (zve)

Helga Wagner leitete als Diplompädagogin früher eine eigene Praxis. Gerade bei ihrer Arbeit mit Kindern, die Lernschwierigkeiten hatten, war für sie die Klangtherapie mit speziellen, obertonreichen Instrumenten ein erfolgreicher pädagogischer Ansatz. Sie hat nun in Sachsenberg neben der Werkstatt einen „Klangwelt”-Laden eröffnet, in dem Musik und Perkussionsinstrumente aller Art erworben und über das Internet bestellt werden können. Den ersten Verkaufsraum, umgeben von Fachwerkwänden mit schmuckvollem Lehmputz, hat sie in den vergangenen Tagen fertig gestellt.

„Für uns haben Sachsenberg und die Umgebung eine magische Anziehungskraft”, sagt das Ehepaar und ist überzeugt: „Es lohnt sich, hier unsere Energie hineinzustecken.” Unweit vom neuen Wohnort erwarben die beiden Hausbesitzer, da ihnen ein eigener Garten vor der Tür fehlt, auch noch ein kleines Waldgrundstück im Nuhnetal bei der Unteren Butzmühle.

Respekt vor dem Handwerk

Eine Tonne Lehm wird verbaut – Laden mit Musikinstrumenten ist eröffnet

SACHSENBERG. Noch wohnen Jochen Bischoff und Helga Wagner mit ihrem Hund Benni in einer Baustelle. Einen Raum zum Leben, einen weiteren für den neuen Laden so wie die neue Werkstatt haben sie sich im Sachsenberger „Spicher” und dem Ackerbürgerhaus nebenan bereits gemütlich eingerichtet. Die Arbeit der Neu-Zugezogenen bei der Sanierung des Ensembles wird nicht nur von den Mitarbeitern der Denkmalpflege, sondern auch von den Nachbarn aufmerksam verfolgt.

„Wir wollen andere ermutigen, sich auch solcher alten Fachwerkhäuser anzunehmen”, sagt das Ehepaar und strahlt den nötigen Optimismus aus. Beide finden, dass die alten Gebäude — ihr Wohnhaus stammt von 1545, der rundbogige Anbau laut Inschrift von 1786- ihren ganz eigenen Charakter ausstrahlen. „Wir haben Respekt davor, wie hier mit wenigen handwerklichen Techniken Holz und Lehm verbaut worden ist”, sagt die Diplompädagogin Helga Wagner.

Alles bleibt sichtbar

Sie hat gleich eine ganze Tonne Lehm im Baustoffhandel bestellt, außerdem Strohhäcksel und Farbpigmente, mit denen sie ihren selbst an- gerührten Lehmputz einfärbt. Balken, Fachwerkfüllungen, Putzspuren — alles bleibt sichtbar. Lediglich die Bodendecke wird eine Dämmung aus biologischem Material erhalten. Die Rückwand des Hauses Spichernstr. 3, „aus dem die Sonnenblumen wuchsen”, wurde bereits saniert und mit einer Biberschwanz-Verkleidung geschützt. Auch ein tiefer Keller mit Steingewölben wartet auf die Restaurierung.

Ohne finanzielle Hilfe durch die hessische Denkmalpflege, die Stadt Lichtenfels und den Landkreis Waldeck-Frankenberg wäre für die beiden Privatleute das Riesenprojekt mit drei alten Häusern nicht zu schultern gewesen. Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab (Marburg), der auch die Sanierung des mit dem Denkmalschutzpreis ausgezeichneten Sachsenberger Kulturhauses in der Kirchstraße betreut hat, berät das Ehepaar oft persönlich.

Umgekehrt engagierten sich Helga Wagner und Jochen Bischoff mit ihren historischen Musikinstrumenten auch schon mehrfach aktiv im Gemeinschaftsleben des Städtchens. Ihre beruflichen Erfahrungen mit Musik- und Klangtherapie wollen sie im nächsten Jahr, wenn die wichtigsten Bauarbeiten abgeschlossen sind, auch in Form von Workshops mit ihren „Klangwelt”-Instrumenten zur Verfügung stellen und „neue Wege im Umgang mit Musik vermitteln”, wie sie ankündigen.

Verkaufsraum eingerichtet

Ein Verkaufsraum für Instrumente und Dritte-Welt-Artikel ist bereits eingerichtet, nach Vereinbarung kann dort man hineinschauen. (zve) www.klangwelt-nada.de