Artikel vom 8.12.2010 in der HNA
8. Dezember 2010
Artikel vom 10.10.2010 in der HNA
10. Oktober 2010
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Magisch angezogen von alter Substanz

Helga Wagner und Jochen Bischoff wollen „Erhaltenswertes bewahren” – Von Portugal nach Lichtenfels

„Liebe auf den ersten Blick” — das ordnen viele dem zwischenmenschlichen Bereich zu. Bei Helga Wagner und Jochen Bischoff machte es dagegen beim „Spicher” klick. Die Neu-Sachsenberger bringen seit Monaten das alte Haus auf Vordermann.

VON DENNIS SCHMIDT

Lichtenfels-Sachsenberg. Eng schlängelt sich die alte, knarzende Treppe in den ersten Stock. Leicht gebückt drängt Helga Wagner vorwärts, taucht durch die Tür und steht in dem ersten fertigen Zimmer. Wände im akkuraten 90-Grad-Winkel und perfekt ebene Bodenbeläge sucht der Gast hier vergebens. Der „Spicher” ist alt, sehr alt. 465 Jahre, um genau zu sein.

Was Zimmermänner und Dachdecker in der Zeit kurz vor der Französischen Revolution schufen, bewahren heute Helga Wagner und ihr Mann Jochen Bischoff. Mit viel Eigenleistung und einer Menge Ideen rücken sie dem alten Baukörper an die Substanz und machen ihn fit fürs 21. Jahrhundert.

Die beiden Häuslesanierer stammen nicht aus der Gegend. Im Internet sahen die Diplom-Pädagogin und der ehemalige Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt ein Bild vom „Spicher” und dem Nebenhaus. „Was? So was gibt es?”, konnte die 55-Jährige ihr Glück kaum fassen und packte kurz nach dem ersten Blick bereits seelisch die Koffer. Ich hatte ein Fachwerkhaus ohne weiteres Grundstück gesucht” , erinnert sich Helga Wagner an die Zeit vor drei Jahren.

Ihr kleines „Notbüro” samt Schlafgelegenheit haben die beiden inzwischen fertig. Auf 20 Quadratmetern findet das komplette Familienleben statt. Nebenan sind Dusche und Toilette ebenfalls benutzbar. Das war’s. Ein wenig Leidensfähigkeit beim eigenständigen Umbau gehört eben dazu.

Zu schön fürs Wochenende

Erfahrung bringt das Ehepaar reichlich mit. Vor sieben Jahren kauften sie in den portugiesischen Bergen ein kleines Anwesen und machten dies nach für nach zum Schmuckstück. In Fotobüchern haben die Handwerker jeden Schritt bei der Restaurierung stolz festgehalten. Das autarke Leben im sonnenverwöhnten Süden mit Plantage und großem Garten reichte ihnen irgendwann nicht mehr. Über Aachen kamen sie ins Waldecker Land und fühlten sich hier schnell geborgen. „Es war viel zu schön, um nur ein paar Wochen hier zu sein” , warfen sie ihre Pläne für Erst- und Zweitwohnsitz über den Haufen.

Die Substanz des alten Fachwerkhauses ist nahezu komplett erhalten. Keine Styrodur-Dämmplatten, keine falschen Gipsputze und keine Silikonnähte in den Gefachen. „Wir möchten das Erhaltenswerte unbedingt bewahren”, gibt Jochen Bischoff die Richtung vor und schaut auf die alten knorrigen Eichenbalken, die im Innern zu sehen sind und sogar der stärksten Bohrmaschine alles abverlangen.

Mit der unteren Denkmalschutzbehörde standen und stehen der 62-Jährige und seine 55-jährige Ehefrau in engem Kontakt. „Wichtig ist es, sich früh zu besprechen”, finden Helga und Jochen Bischoff. Und dass auf das Dach nur Biberschwanzziegel kommen, war von vornherein klar.

Sandgestrahlte Türriegel

Das Erhalten beginnt bereits im — die alten Türriegel, die noch funktionieren, verrichten jetzt sandgestrahlt und aufgearbeitet ihren Dienst — und entwickelt sich über Fenstergröße und Raumaufteilung bis zum historisch korrekten, 200 Quadratmeter Platz bietenden Gesamtbild weiter.

Direkt nebenan wohnt Ortsvorsteher Kurt Lechky. Er freut sich, dass endlich wieder Leben im „Spicher” herrscht — ohne die Grundrettung des Gebäudes in den 70er-Jahren und das Engagement der neuen Nachbarn hätte irgendwann ein Abriss im Raum gestanden.

Stattdessen stehen jetzt die neuen Räume im Mittelpunkt des Sachsenberger Interesses. „Wir wurden hier sehr offen empfangen”, freuen sich die Zugereisten über die Sachsenberger Bevölkerung. Dank ihrer Musikalität konnten sie sich bereits fest ins öffentliche Leben integrieren, spielten bei der Feier des Denkmalschutzpreises ebenso wie auf dem Holunderblütenfest.

In Zeiten, in denen der demografische Wandel die Tagesordnungen bestimmt, gleicht der Umzug der zwei nach Lichtenfels schon fast einem Wunder. Dabei ist die Entscheidung durchaus auch finanziell begründet: „Wir hatten ursprünglich gedacht, Portugal sei preiswert”, erzählen die Bewohner der Spichernstraße. Doch sie merkten: „Hier bekommen wir für unser Geld ein Haus, dort eine Ruine. ”

Kein Reihenhaus mehr

Der Leerstand in Sachsenberg hält sich nach Angaben von Ortsvorsteher Lechky momentan noch in Grenzen. Doch die Entwicklung der kommenden zehn Jahre sei bereits abzusehen, seufzt er. Umso mehr freut er sich, dass die Sanierung des alten Hauses zum Lebensstil von Helga Wagner und Jochen Bischoff geworden ist.

Praxis und Festanstellung hat das Paar im Sommer aufgegeben. In einem Reihenhaus mit Einbauküche zu wohnen, kommt für die beiden nicht in Frage. Das „Projekt Spicher” gehört fest zu ihrem Kampf gegen „Angst und Bequemlichkeit”. Industrielle Normen sind da fehl am Platze. „Zusammen können wir alles” , sind sie sicher und schauen zurück in eine Zeit, in der Tapezieren das höchste der Gefühle war. Ein wenig Hilfe kommt aber schon von den Handwerkern aus der Region. „Wir wollen ja nicht ewig brauchen”, lachen beide.